Neue Koranübersetzung schlägt Wellen: “schlagen” vs “weggehen”

Di, Apr 24, 2007

Allgemein

Wie stehen wir zu religiös begründeter Gewalt gegenüber Frauen?

Nachdem im März eine deutsche Richterin ein Ehescheidung ablehnte, und zwar mit dem Verweis auf einen Koranvers (4,34), der Gewalt in der Ehe erlaube, war die Reaktion in der Öffentlichkeit verständlichweise empört. Ein religiöser Text dient der deutschen Justiz als Begründung, um Menschenrechte einzuschränken. Dies konnte nicht unbeantwortet bleiben. Auch im Ausland hat man diese Entscheidung mit Befremden wahrgenommen.

Nun macht in den letzten Wochen eine amerikanische Wissenschaftlerin und Muslimin von sich reden, die eine neue Koranübersetzung veröffentlicht hat: Laleh Bakhtiar. Ihre Koranübersetzung ist in den USA unter dem Titel “The Sublime Quran” erschienen, und wird wohl auch ins deutsche übersetzt werden.

Frau Bakhtiar hat sich auch mit der kontroversen Koranstelle Sure 4, Vers 34 auseinandergesetzt und an der Stelle, in der es zum die Zurechtweisungsmöglichkeiten des Mannes gegenüber der Frau innerhalb der Ehe geht das arabische Wort “daraba” mit “weggehen” anstatt wie bisher mit “schlagen” übersetzt.

Zur Anschaulichkeit: so sieht die bisherige Übersetzung von Rudi Paret aus, der das Standartwerk für deutsche Unis geschrieben hat:

„Und wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie! Gott ist erhaben und groß.“

Bakhtiar übersetzt und statt “schlagt sie” “geht weg von ihnen“. Damit wurde sie bereits als Vorkämpferin des Feminismus stilisiert.

Mittlerweile gibt es auch einige deutsche Stimmen zu dem Thema: Jörg Lau vom Zeitblog hat sich, anscheinend intuitiv, kritisch zu einer solchen Neuübersetzung geäussert und fragt

“ob dadurch nicht am Ende eine Enthistorisierung des Koran bewirkt wird, die es unmöglich macht, ihn in seinem Entstehungskontext zu begreifen.”

Die Journalistin und Politologin Antje Schrupp weist darauf hin, dass das Kölner Zentrum für islamische Frauenforschung bereits diesen Vorschlag gemacht habe.

So richtig wird die Diskussion wohl ins Laufen kommen, wenn die deutsche Übersetzung vorliegt. An dieser Stelle noch meine eigene Meinung als Islamwissenschaftler und Arabist: das wichtigste deutsche Wörterbuch zur Arabischen Sprache stammt von Hans Wehr, im Moment in der fünften Auflage. Dort findet sich tatsächlich die Übersetzungsmöglichkeit “weggehen” für das arabische Verb “daraba” (vereinfacht dargestellt), allerdings erfordert es eine Präposition, um anzugeben, von wem oder was man weggeht. Die Bedeutung “schlagen” steht mit direktem Objekt, so wie es auch im koranischen Text zu finden ist.

Ich denke, Frau Bakhtiar befindet sich in einem Dilemma: Sie hat einerseits eine nach meiner Wertvorstellung richtige Intention, nämlich der Welt klarzumachen, dass es nicht Teil des Islam sein kann, Gewalt gegenüber der Ehefrau zu rechtfertigen. Allerdings versucht sie, einen “Irrtum” zu finden, der nur in einer falschen Übersetzung lag. Da ihre Argumentaton aber recht schwach ist, läuft sie Gefahr, dadurch an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Es ist das Verständnis von Menschenrechten, dass uns sagt, dass eine solche Form von Gewalt nicht erlaubt ist. Eine Aussage in einem heiligen Buch, die dem widerspricht, für die heutige Zeit zu relativieren, ist eine Sache. Den heiligen Text umzuschreiben, wie Jörg Lauf es kritisch andeutete, aber eine andere.

Trotz alledem wird das Buch Bakhtiar eine gute Debatte anstossen und muslimische Theologen dazu bewegen, Stellungnahmen abzugeben, die dann von ihren Anhängern akzeptiert werden oder auch nicht. Dass diese Debatte aber wieder stärker geführt werden muss, steht ausser Zweifel.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben von:

Alex Rieper - hat bereits 13 Beiträge auf JuLis Bayern – Das Weblog verfasst.


3 Kommentare für diesen Beitrag

  1. Arian sagt:

    Fast zum Thema passend ein sehr guter Blogeintrag von Jörg Lau mal wieder (Zeitblog). Dort zitiert er wiederum die Welt und Emel Abidin-Algan, die beschreibt, welche Erlebnisse und Erkenntnisse mit dem Ablegen eines Kopftuches verbunden sein können:

  2. Felix sagt:

    Ich muss sagen, dass die so eine Koranübersetzung und die Diskussion dazu ziemlich sinnlos sind. Eine solche Übersetzung wird doch über diese paar Artikel heraus niemanden interessieren und bei den Muslimen ebenfalls kaum ankommen, da diese den Koran im arabischen Originaltext lesen.
    Es kann auch bei Integration nicht darum gehen, denn Inhalt des Koran zu verändern. In der Bibel steht genauso viel dummes Zeug drin. Es kommt einfach darauf an wie diese Religion interpretiert und vor allem gelebt werden.

  3. Eddy sagt:

    hallo!
    ich setze mich sehr stark mit dem koran auseinander und intensiv mit kritischen schriften. wenn man den koran in seinem wesen anschaut kann mit sure 4:34 nicht schlagen gemeint sein.Prof dr yasar nuri aus der türkei übersetzt auch das wort “daraba” mit “geht weg von ihnen”.das wort daraba hat an die 20 bedeutungen.man weiss aus sicheren quellen als die frau des propheten (friede sei auf ihm) der unzucht verdächtigt wurde er sie vom haus entfernen lies und nicht auf sie einprügelte…(wie es in der richtigen übersetzung von 4:34 verlangt wird, wenn so ein verdacht besteht)ich denke dem prof wäre es schon aufgefallen, wenn das wort “daraba” nur mit präposition eine andere bedeutung als schlagen gemeint ist. er kann fliessend arabisch und den koran auswendig und hat sich auch in einem langem text zur sure 4:34 geäussert….

    LG Eddy

1 Trackbacks für diesen Beitrag

  1. Freiheitsfreund Says:

    Urheberrecht: Mal was Neues…

    Gerade bin ich ausnahmsweise mal im Netz und im Fernsehen unterwegs: Ich habe mich kürzlich schon einmal anlässlich des Internet-Inkompetenz-Outings unserer Bundesminister und über den dringenden legislativen Nachholbedarf im Bereich des…

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