Von Damaskus bis München

Es waren Sommerferien und die vorletzte Ferienwoche ging gerade zu Ende. Ich war mit meiner Tante für ein Wochenende in Wien.
Am 6. September, ein Sonntag, um 18.30 Uhr sollte unser Zug zurück Richtung München abfahren. Doch bereits um 18:00 Uhr wurden 20 Minuten Verspätung vorhergesagt. Eigentlich ärgerlich, aber heute gab es dafür einen besonderen Grund: Den in Ungarn gestrandeten Flüchtlingen wurde die Einreise nach Deutschland erlaubt. Da unser Zug aus Budapest über Wien nach München fuhr, wussten wir, dass diese mit uns an Bord sein würden.
Als wir am Gleis ankamen, fielen mir direkt kleine Gruppen von Flüchtlingen ins Auge und auch die Helfer des Roten Kreuzes waren da, um Wasser und Essen zu verteilten. Wir warteten 30 Minuten statt 20, aber das machte mir nichts aus. Denn ich war gespannt und auch ein bisschen aufgeregt. Aber im positiven Sinn.
Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und mich interessiert es sehr, was Flüchtlinge eigentlich über Deutschland denken, ihre Beweggründe und ihre Geschichte.
Ich war eigentlich darauf eingestellt, keinen Sitzplatz mehr zu bekommen. Für mich war das kein Problem, denn Leute, die schon so lange unterwegs sind, sollten meiner Meinung nach wenigstens eine angenehme Zugfahrt haben. Meine Tante und ich gingen durch zwei Abteile und suchten nach Sitzplätzen. Wie ich es mir gedacht hatte, waren keine Plätze mehr frei. Also stellten wir unser Gepäck ab und gingen ans Ende des Abteils.
Womit ich nicht gerechnet hatte, waren die vier jungen syrischen Männer, die ich um die 20 schätzen würde. Sie saßen uns gegenüber an einem Tisch. Als sie uns sahen, sprach einer einen anderen an, woraufhin beide aufstanden und uns ihre Plätze anboten.
„Please sit down“, sagte einer von ihnen mit starkem Akzent. Wir wollten zuerst ablehnen, schließlich waren es deren Sitzplätze und wir würden noch einige Zeit fahren. Die beiden Männer bestanden aber darauf und beteuerten, dass das wirklich kein Problem für sie sei. Wir bedankten uns bei ihnen und setzten uns.
Kurze Zeit darauf kamen zwei Mädchen mit Kopftuch auf der Suche nach einem Sitzplatz an uns vorbei, woraufhin auch die beiden verbliebenen Jungen aufstanden und ihnen ihre Plätze überließen.
Mehr passierte erst einmal nicht. Der Zug setzte sich in Bewegung und wir fuhren ungefähr 10 – 15 Minuten still vor uns hin, bis das Mädchen mir schräg gegenüber das Schweigen brach: „You’re going to ‚München‘?“ So begann ein reges Gespräch.
Wir redeten die ganze Zugfahrt miteinander. Meist auf Englisch, wobei uns beide schon stolz deutsche Wörter und Sätze sagten, die sie in Ungarn gelernt hatten. Das war auch eine der Fragen, die uns eine der beiden gleich am Anfang stellte: „How long do I need to learn German?“ Außerdem fragten sie noch andere Dinge. Wann sie beginnen könnten zu arbeiten beziehungsweise zur Schule zu gehen, oder wann ihnen gesagt wird, dass sie sicher bleiben dürften.
Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich so einiges über die Beiden. Besonders gut habe ich mich allerdings mit Salwa verstanden. Sie ist 16 Jahre alt und somit nur ein Jahr älter als ich. Wir verstanden uns einfach auf Anhieb und unterhielten uns über alles Mögliche – von unserer Heimat bis hin zu unseren Zukunftsplänen und Träumen. Sie kommt aus der syrischen Stadt Damaskus, will nach Berlin zu ihrer Cousine und so schnell wie möglich wieder zur Schule gehen. Schließlich möchte sie einmal Zahnärztin werden. Auf ihrem Handy zeigte Salwa mir sogar Fotos, wie ihre Schule aussah, bevor sie zerbombt wurde.
Das Mädchen neben ihr stellte sich als ihre Schwester namens Israa heraus. Sie ist 22 Jahre alt und will nach Schweden reisen, da dort ihr Verlobter wohnt. So bald wie möglich möchte sie ihr Jurastudium wieder aufnehmen. Außerdem erfuhr ich, dass ihre 3. Schwester auch hier im Zug war.
Während dieser Zugfahrt wurden mir so eigene Dinge klar:
Ich könnte eines dieser Mädchen sein. Ich hatte nur das Glück hier in Deutschland geboren zu sein und nicht in Syrien. Wir sind im gleichen Alter, wir haben teilweise sogar die gleichen Interessen, haben Träume, Familie und Freunde. Diese beiden Mädchen mussten all das hinter sich lassen, um vor Terror, Gewalt und Tod zu fliehen.
Ich kann es gut nachempfinden, wie schwer diese Entscheidung für sie gewesen sein muss.
Sie haben mir von ihrer Familie erzählt. Ihre Eltern sind irgendwo in einem Camp in der Türkei. Von ihrer vierten Schwester wissen sie nichts. Und trotzdem gehen die beiden so positiv durchs Leben. Das ist etwas, was ich unglaublich bewundere. Trotz all der schlimmen Dinge, die sie erlebt haben, hoffen sie auf eine bessere Zukunft in Deutschland und sie hoffen, eines Tages zurück in ihre Heimat nach Syrien zu können, um ihr Land wieder aufzubauen.
Hinter jedem dieser Flüchtlinge verbirgt sich nur ein Mensch, wie wir alle es sind. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, hat viel Schlimmes erlebt und einiges auf sich genommen, um nach Europa und Deutschland zu kommen. Sie brauchen unsere Hilfe, unsere Unterstützung und auch unser Verständnis.
Nach der Zugfahrt trennten sich zwar unsere Wege, doch mit Salwa habe ich zum Glück über Handy immer noch Kontakt.
#RefugeesWelcome

Eva Keil ist 15 Jahre alt und seit fast einem Jahr bei den JuLis in Landshut aktiv.